Cannes 2026 — Zwischenbilanz zwischen Arthouse und Streaming
Die 79. Filmfestspiele von Cannes sind zur Hälfte gelaufen. Wir sortieren die ersten Wettbewerbseinträge, benennen vier Filme, die nach den Festivaltagen weiter beobachtet werden müssen, und ordnen die jährliche Streaming-Debatte ohne reflexhafte Empörung.
Mit der Halbzeit der 79. Filmfestspiele lässt sich ein Zwischenstand ziehen. Achtzehn Wettbewerbsfilme sind gezeigt; das Spektrum reicht von der erwartbaren Arthouse-Mitte über zwei radikalere Formexperimente bis zu zwei Streaming-Produktionen, die den jährlichen Plattform-Streit der Croisette neu auflegen.
Vier Filme, die bleiben werden
„La Veille” (Céline Verdier, Frankreich). Ein Kammerspiel in einer leeren Stadthalle, gedreht in vier durchgehenden Einstellungen zu je etwa achtundzwanzig Minuten. Verdier vertraut ihrer Hauptdarstellerin, Adèle Quéré, eine Rolle an, die zwischen Dokumentation und Inszenierung schwebt. Die zweite Sequenz — Quéré allein auf einer Bühne, beleuchtet nur durch ein einziges Stativ-Licht — ist die ruhigste und intensivste Festival-Szene seit Jahren. Ein Film für ein Publikum, das mit der Zeit arbeitet, nicht gegen sie.
„Hotel Anjana” (Pranav Iyer, Indien/Großbritannien). Iyers zweiter Spielfilm nach „Twelve Notes” (Toronto 2023) ist eine episodische Hotelpoesie in zwölf Kapiteln, lose nach Texten von Vikram Seth. Die Adaptation arbeitet weniger mit Handlung als mit räumlicher Choreographie — drei Zimmer, ein Aufzug, eine Lobby — und macht die Kameraführung von Rina Sawayama (debüt als Bildgestalterin) zur dramaturgischen Mitfigur.
„Wir, die Fließenden” (Mira Solberg, Norwegen). Eine Co-Produktion mit Island und Färöer, gedreht im Norden Islands über vierzehn Monate. Solberg verzichtet auf Voiceover und Erläuterungstafeln; was bleibt, ist eine Bildsequenz von Gletscherbächen, Trockensteinmauern und einer einzigen menschlichen Stimme, die nur in der letzten Sequenz hörbar wird. Vermutlich der formal radikalste Film des Wettbewerbs.
„Tributo” (Diogo Marques, Portugal). Marques verfilmt die Tagebücher des Dichters Carlos Drummond de Andrade — keine Biopic-Form, sondern eine Montage aus Stadt-Aufnahmen Belo Horizontes, Lesungen, archivierten Familienaufnahmen und stillen Räumen. Das ist Adaptation als Übersetzungshandlung, nicht als Übersetzung der Handlung.
Die jährliche Streaming-Debatte, kurz sortiert
Zwei Wettbewerbsfilme stammen direkt aus dem Katalog großer Streaming-Plattformen. Die französische Filmwirtschaft hat das vor zwei Jahren akzeptiert; der Streit, ob ein Film, der nicht in französischen Kinos startet, in Cannes gezeigt werden darf, ist mit einer einfachen Klausel im Festival-Reglement gelöst: vier Wochen Kino vor Streaming-Start, Kompromiss zwischen Festival-Logik und Distribution. Die diesjährige Diskussion läuft eine Etage tiefer — ob die formale Sprache der Streaming-Produktionen sich unterscheidet vom klassischen Festival-Film. Die Antwort scheint vorläufig: nein. Beide Streaming-Einträge sind handwerklich solide, atmosphärisch dicht, narrativ konventionell. Wer also auf einen ästhetischen Bruch hoffte, wurde enttäuscht; wer auf eine ruhige Etablierung der Plattform-Filme im Festival-Kanon setzt, hat seinen Beleg.
Was noch kommt
In der zweiten Festivalhälfte stehen unter anderem ein neuer Hong Sang-soo, ein Spätwerk Cristian Mungius und das Spielfilmdebüt der mexikanischen Dokumentaristin Tatiana Huezo im Wettbewerb. Wir berichten zur Festivaldreiviertelmarke ein zweites Mal, mit Schwerpunkt auf den verbleibenden Premieren und einer Vor-Abend-Schätzung zur Palmenvergabe. Die Palmen-Notiz erscheint am Sonntag um 22:00 Uhr; das Festival endet eine Stunde später.