Yann Tiersen — Zwanzig Jahre nach Amélie, eine Werkanalyse
Yann Tiersens Score zu „Le Fabuleux Destin d'Amélie Poulain" wird 2026 ein Vierteljahrhundert alt. Wir hören die Partitur noch einmal genau — und ordnen, was Tiersen seither aus dem Pariser Erfolg gemacht hat, abseits der Filmsoundtracks.
Im April 2001 erschien der Soundtrack zu Jean-Pierre Jeunets „Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain” — und mit ihm die seltsame Karriere des bretonischen Komponisten Yann Tiersen, der bis dahin in kleineren französischen Studios als Multi-Instrumentalist arbeitete. Fünfundzwanzig Jahre später ist der Score noch immer der meistverkaufte französische Film-Soundtrack der Nachkriegszeit. Lohnt es sich, die Partitur jenseits der Nostalgie noch einmal hörend zu durchgehen? Wir glauben: ja.
Die Partitur, technisch
Tiersens Score besteht aus 21 Stücken, etwa neunzehn Minuten reine Filmmusik plus mehrere Wiederverwendungen älterer Aufnahmen aus seinen Vorgängeralben „La Valse des Monstres” (1995) und „Le Phare” (1998). Genau diese Mischung ist die Crux der Diskussion: Tiersen hat für „Amélie” nicht nur komponiert, sondern auch kuratiert. Jeunet wollte einen Soundtrack, der nicht nach Filmmusik klingt; er wollte das Klangbild eines spezifischen Quartier-Lebens. Tiersen lieferte beides.
Die zentrale musikalische Idee — wiederkehrende ostinate Bassfiguren auf dem Klavier, darüber zarte Akkordeon- oder Toy-Piano-Melodien — entspricht einem Vokabular, das Tiersen seit „La Valse des Monstres” entwickelt hatte. Was bei „Amélie” hinzukam, war die filmische Funktion: jede der drei Hauptthemen (Amélies eigenes Thema, das Café-Thema, das Bahnhofs-Thema) lässt sich in dreißig Sekunden identifizieren, sie bauen aufeinander auf und werden im Film systematisch ineinander geblendet. Das ist klassische Leitmotiv-Arbeit — Tiersen verfährt mit dem Pariser Stadtteil so, wie Wagner mit seinen Figuren.
Drei Stücke, die man kennen muss
„La Valse d’Amélie” (Klavierversion). Drei Minuten, Klaviersolo, Walzertakt. Die Melodie steigt zweimal, sinkt einmal, schließt offen. Strukturell ein klassisches AABA-Schema in Walzer-Form — Strawinsky hätte es als Spielmusik-Studie geschätzt. Live spielt Tiersen das Stück oft mit minimalen Tempo-Verschiebungen; auf der Filmaufnahme ist es ein einziger Take.
„Comptine d’un Autre Été — L’Après-Midi”. Das wahrscheinlich am häufigsten gecoverte Stück seines gesamten Œuvres. Auf jeder Klavierschule der westlichen Welt mittlerweile Pflichtlektüre. Tiersen selbst behandelt es ambivalent — er hat in mehreren Interviews gesagt, dass er das Stück live nicht mehr spielen möchte, weil es nicht repräsentativ für sein heutiges Schaffen sei.
„Sur le Fil”. Das längste Stück des Soundtracks, fast sechs Minuten, eine fast minimalistische Klavieretüde mit Streichquartett-Begleitung. Hier hört man die Verwandtschaft zu Erik Satie deutlich — die wiederholten Akkordfolgen, das Verzicht auf dramaturgische Steigerung, der konsequente Pianissimo-Pegel.
Was kam nach „Amélie”
Tiersen hat den Pariser Erfolg konsequent verweigert. Statt einer Soundtrack-Karriere zog er sich nach Ushant zurück, einer Insel vor der bretonischen Küste, und produzierte dort eine Reihe deutlich weniger zugänglicher Alben — „Skyline” (2011), „EUSA” (2016), „Kerber” (2021), zuletzt „11 5 18 2 5 18” (2024). Diese späteren Arbeiten sind elektronisch, atmosphärisch, oft instrumental und ohne Walzerstrukturen. Wer Tiersen nur über „Amélie” kennt, wird die späteren Platten schwierig finden; wer sich auf die Bewegung einlässt, hört einen Komponisten, der den eigenen Erfolg systematisch durchgearbeitet hat und etwas anderes geworden ist.
Tiersens nächstes Album erscheint im Herbst 2026; eine Konzertreise durch deutsche Spielstätten ist für März 2027 angekündigt.